Aber in der Bibel steht doch …

aus: Publik-Forum 14/2019, S. 32-33

Ein Wort vorab

Die Bibel ist kein Steinbruch, aus dem man Verse herauslösen und als Versatzstücke in eigene theologische Argumentationen einbauen kann. Biblische Verse müssen in ihrem literarischen und soziokulturellen Kontext wahrgenommen werden. Die Frage ist nicht „Was kann ich mit diesem Vers beweisen?“, sondern: „Was sagt mir dieser Zusammenhang?“ Wenn jemand meint, „Aber in der Bibel steht doch …“, gilt es zwei Dinge zu beachten: Erstens, steht dort wirklich genau das, was als „biblisch“ ausgegeben wird? Oftmals sagen die angeführten Stellen gar nicht das, was angeblich eine „biblische Vorschrift“ sein soll. Und zweitens kann die Bibel als antiker Text nicht unmittelbar als „gesetzliche Vorschrift“ dienen – weder für einen modernen Staat, noch für eine heutige Religionsgemeinschaft, die sich an der Vernunft orientiert. Es bedarf immer der sorgfältigen Auslegung, einer vermittelnden Hermeneutik (Lehre vom Verstehen). Wer dies nicht beachtet und die Bibel lieber wörtlich nehmen will, muss z.B. alle Tätowierten exkommunizieren (Lev 19,28). Die folgenden Bibelzitate (Altes Testament) werden immer wieder herangezogen, wenn es um den Umgang mit Homosexualität geht.

„Männlich und weiblich erschuf er sie“ (Gen 1,27; Gen 5,1–2)

Gott schuf den Menschen als Mann und Frauetwas anderes gibt es nicht. Sie sollen sich vermehren – nur dazu ist die Sexualität da. Das kursiv Gedruckte steht nicht in der Bibel, wird aber meist hinzugedichtet. Die neue Einheitsübersetzung hat Gen 1,27 mit „männlich und weiblich“ wiedergegeben, denn es wird im hebräischen Text nur festgestellt, dass es beim Menschen Männliches und Weibliches gibt. Wenn sich ein Männliches und ein Weibliches paaren, gibt es Nachkommen. Diese einfache Alltagsbeobachtung wird bei Gott als Schöpfer verankert. Hier werden weder die Ehe von Mann und Frau als ausschließliche Form noch die Zeugung von Nachkommenschaft als ausschließlicher Zweck von Sexualität normativ festgelegt. Der Text liefert keine Definitionen, sondern staunt darüber, wie wunderbar Gott die Welt gemacht hat. Diese Welt kennt noch viel mehr als das, was Genesis 1 aufzählt – z.B. mehr Tier- und Pflanzenarten oder Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe. All das hat Gott gemacht, „und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31). Wie die Hautfarben liegen auch die verschiedenen sexuellen Orientierungen nicht in der Entscheidungsfreiheit des Menschen. Sie sind nach heutiger medizinisch-psychologischer Erkenntnis auch keine zu heilenden Krankheiten. Damit aber sind sie ein Teil von Gottes guter Schöpfung.

„Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.“ (Lev 18,22)

Dieser Vers klingt wie ein generelles Verbot männlicher Homosexualität. Aber aus dem Kontext wird deutlich, dass er nur ein Teil von mehreren Vorschriften ist, die eine Gemeinschaft in einer ganz besonderen Situation ansprechen. Diese Gemeinschaft war in ihrer Existenz bedroht und von der Zeugung von Nachkommen abhängig. Daher verbot sie sexuelle Handlungen, die zu keiner oder zu einer ungeordneten Nachkommenschaft führten: Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau (Lev 18,19) oder mit einem Vieh (18,23) bringt keine Nachkommen. Mit einer anderen als der eigenen Frau zu schlafen (18,20), führt, wenn es zu einem Kind kommt, zu erheblichen sozialen Konflikten. Gibt man seine Nachkommen als Arbeitskräfte an die fremde Besatzungsmacht (Chiffre: „für Moloch“, 18,21), sind sie für die eigene Gemeinschaft verloren. Hat ein Mann Samenerguss bei einem anderen Mann statt bei seiner Frau (18,22), gibt es keine Nachkommen. Heute dagegen gefährden gleichgeschlechtlicher Sexualakte zwischen Männern nicht mehr das Überleben einer Gemeinschaft. Vielmehr müssen Menschen ihre Sexualität so gestalten, dass sie ihrer Verantwortung für die Gemeinschaft, in der sie leben, gerecht werden. Sexualität hat immer eine soziale Komponente.

Die Männer von Sodom (Gen 19,5)

Seit Jahrtausenden verdächtigt man die Männer von Sodom (Genesis 19) der Homosexualität, weil sie von Lot verlangen, dass er seine Gäste herausgibt: Sie wollen mit ihnen „verkehren“. Aber warum wollen die Männer mit Lots Gästen sexuellen Analverkehr ausüben? Nach Gen 19,4 sind alle Männer von Sodom, Jung und Alt, alles Volk von weit und breit, zusammengekommen – sollten wirklich alle homosexuell sein? Wie hätten sich die Leute von Sodom dann fortgepflanzt? Und welchen Sinn hätte es dann gehabt, dass Lot zum Ersatz seine Töchter anbietet? In Genesis 19 geht es nach all dem nicht um (Homo-)Sexualität. Vielmehr wollen die Männer von Sodom das Gastrecht brechen und durch analen Geschlechtsverkehr die Gäste Lots – und damit Lot selbst, der in Sodom auch ein Fremder ist – demütigen. Das war eine verbreitete Kriegstaktik. Die Sünde der Männer von Sodom ist also nicht Homosexualität, sondern die gewaltsame Unterdrückung von Fremden und Schutzbedürftigen. Dafür werden sie bestraft.

David liebt Jonatan (1 Sam 18,1-4; 2 Sam 1,26)

David liebte Jonatan, den Sohn Sauls, wie sein eigenes Leben (1 Sam 18,3). Nach Jonatans Tod in der Schlacht trauert David: „Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen.“ Mehr steht darüber nicht in den Samuelbüchern, und doch hat man David und Jonatan eine homoerotische Beziehung zugeschrieben. Jonatan wäre dann homosexuell, David aber bisexuell, denn der hatte einige Frauen. Eine tiefe Männerfreundschaft, die das übliche Maß übersteigt, ist jedoch wahrscheinlicher als die Unterstellung gleichgeschlechtlicher sexueller Akte. Diese hätte man den beiden zur Zeit der Entstehung von Lev 18,22 (s.o.) negativ angekreidet. Freilich ist der Text recht offen, so dass man das heutige Konzept homosexueller Liebe zwischen zwei Männern hineinlesen könnte. Aber was wäre damit gewonnen? Man kann die Bibel nicht für oder gegen „Homosexualität“ instrumentalisieren. Eine Partnerschaft von gleichberechtigten Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung ist ein neuzeitlicher Lebensentwurf, mit dem sich die Bibel nicht auseinandersetzt.

Lesetipp: T. Hieke: Kennt und verurteilt das Alte Testament Homosexualität?, in: Goertz, Stephan (Hg.): »Wer bin ich, ihn zu verurteilen?« Homosexualität und katholische Kirche. Herder, S. 19-52; www.theologie-und-kirche.de/hieke.pdf

(Dieser Text ist in Publik-Forum 14/2019, S. 32-33, erschienen. Dort, S. 33-34, geht Martin Ebner in ähnlicher Weise auf die neutestamentlichen Stellen ein.)