Bristol Text

Gelegentlich wird behauptet, der „Synodale Weg“ sei ein „deutscher Sonderweg“, mit dem sich die römisch-katholische Kirche in Deutschland von der Weltkirche abspalten wolle. Nur in Deutschland werden diese Reformen gefordert, überall sonst in der Weltkirche sei man auf der Linie Roms. Diese Behauptung ist falsch. In vielen Ländern der Welt fordern Katholikinnen und Katholiken immer vehementer Reformen der Strukturen und der Lehren der römisch-katholischen Kirche ein. Sie tun dies in wissenschaftlich reflektierter Form, geleitet von der von Gott gegebenen Vernunft und in tiefer Treue zu ihrem christlichen und katholischen Glauben. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit des Wijngaards Institute for Catholic Research (https://www.wijngaardsinstitute.com/). Geht man auf „About > Who We Are“, wird deutlich, in wie vielen Ecken der Welt von Reformen gesprochen wird. Eine weitere Plattform ist das Forum für Reformen in der Katholischen Kirche „root&branch“ (https://www.rootandbranchsynod.org/). Beide Institutionen haben den „Bristol Text“ erstellt, der die wichtigsten Anliegen auf wenigen Seiten zusammenfasst (s. https://www.rootandbranchsynod.org/the-bristol-text): (1) eine frische Morallehre, die an der Person des Menschen und seiner Berufung zur Gerechtigkeit, zur Barmherzigkeit und zum demütigen Gehen der Wege Gottes orientiert ist, (2) eine Transformation der Kirchenstrukturen hin zur Teilhabe aller an Entscheidungen, die alle betreffen, wobei die universale Erklärung der Menschenrechte die Messlatte ist, (3) eine Reorganisation der liturgischen Dienste, die für alle Getauften offenstehen müssen, da alle Getauften Christus angezogen haben und insofern eine königliche Priesterschaft sind, so dass keine Priesterkaste mehr erforderlich ist, (4) eine kirchliche Lehre, die die Vielfältigkeit (Diversität) der Schöpfung Gottes wahrnimmt, annimmt und preist, und dazu gehört auch, die Vielfalt sexueller Identitäten und Orientierungen als Werk des Schöpfers anzuerkennen. Der Bristol Text ist inzwischen auf Englisch, Italienisch, Spanisch und Französisch veröffentlicht. Es geht also nicht um Deutschland, die deutsche Kirche oder einen deutschen Sonderweg, sondern um den Kern unseres Glaubens, zu dem wir weltweit neu aufbrechen und dabei untragbar gewordene oder schon immer falsche Strukturen und Lehren hinter uns lassen müssen.

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