Kreuze am Wege

Gedanken zum Palmsonntag 2020 und zu drei Kreuzen am Weg

Wenn ich mit dem Hund meinen üblichen Weg laufe, komme ich an drei Wegkreuzen vorbei. Warum nur haben Menschen vor über hundert Jahren (ein Kreuz trägt die Jahreszahl 1902) diese Kreuze aufgestellt? Niemand hat sie dazu gezwungen. Ich weiß nicht, was die Leute damals bewegt hat. Mir ist bei jedem Kreuz etwas eingefallen.

1909 – ein Kreuz am Weg – Trost

Selbst wenn es silbrig glänzt, ist ein Kruzifix – ein Kreuz mit dem Körper Jesu Christi daran – kein wirklich schöner Anblick. Die Menschen haben das Kreuz am Weg sicher nicht als Dekoration aufgestellt. Man sieht einen leidenden Menschen. Wer sich in diese antike Art der Hinrichtung hineindenkt, merkt sofort, dass die betroffene Person unsägliche Schmerzen leiden muss. Wie abertausende gekreuzigte Menschen in der Antike – meist entlaufende Sklaven oder Aufständische – hat auch Jesus gelitten, geblutet, gestöhnt. Wenn aber Jesus – wie der Hauptmann unter dem Kreuz bekennt (Mt 27,54) – Gottes Sohn ist, dann kennt Gott das Leid. Das haben die Menschen, die an Jesus Christus glauben, gespürt: Dieser Gott kennt unser Leid. Dass Gott das Leid der Menschen kennt, ist nicht neu. Schon bei der Berufung des Mose, der Gottes Volk, die Israeliten, aus Ägypten führen soll, sagt Gott zu Mose: “Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne sein Leid” (Ex 3,7). Menschen jüdischen und christlichen Glaubens vertrauen also einem Gott, der das menschliche Leid kennt. Christinnen und Christen finden zudem Trost in dem Gedanken, dass Gottes Sohn, Jesus Christus, selbst den Weg des Leidens bis ganz nach unten und bis ans Ende gegangen ist. In ihrem eigenen Leid spüren sie eine Verbindung mit dem geheimnisvollen Gott und sind nicht allein.

Ich will mir vornehmen, wenn ich leiden muss, mich diesem Gott anzuvertrauen. Wenn ich ein Kreuz am Weg sehe, denke ich an Menschen, die leiden müssen. Gott, hilf ihnen, wie du einst dein Volk befreit hast.

Ein Kreuz am Weg – Mahnung

Doch bei genauem Hinsehen macht mich ein Kreuz – gerade wenn der Körper Jesu ausgestaltet ist – unruhig. Es ist und bleibt ein Zeichen von Unrecht und Gewalt. Dieser Jesus hatte nicht den Tod verdient, das hat selbst der sonst skrupellose römische Präfekt Pontius Pilatus gemerkt. Aus Angst um seine eigene Karriere, aus Bequemlichkeit, Opportunismus oder Populismus gibt er Jesus zur Kreuzigung frei. Mit dem Kreuz steht uns immer eine ungerechte Gewalttat vor Augen. Damit aber ist das Kreuz eine Mahnung, sich gegen Unrecht, Ungerechtigkeit und Gewalt einzusetzen. Gewiss, diese Botschaft verhallte (und verhallt) oft ungehört, und gerade im Zeichen des Kreuzes ist unsägliche Gewalt ausgeübt worden. Welch ein gewaltiger Missbrauch! Viele machthungrige Leute haben nicht verstanden oder verstehen wollen, was das Kreuz wirklich ist, sie haben ihre eigenen Interessen gewaltsam durchgesetzt und die Religion als Deckmantel für ihr schändliches Tun missbraucht. Das Johannesevangelium legt dem Pilatus ein denkwürdiges Wort in den Mund: Als er Jesus nach der Verspottung dem Volk vorführt, sagt er: “Seht, der Mensch!” (lateinisch: ecce homo; Joh 19,5). Damit ist Jesus der Inbegriff, das Symbol schlechthin für den ungerecht verfolgten, gequälten, gefolterten Menschen. Wer die Passion hört oder liest, hat doch (hoffentlich) die Regung, dass das, was da mit Jesus geschieht, Unrecht ist. Doch solches Unrecht wurde – und wird – millionenfach auf dieser Welt begangen! Auch daran erinnert das Kreuz am Weg. Das Kreuz mahnt, sich mit solchem Unrecht nicht abzufinden. Diejenigen, die die Kreuze aus der Öffentlichkeit verbannen wollen, müssen sich fragen lassen: Wollen Sie damit auch die Erinnerung daran verdrängen, dass bis heute an zu vielen Stellen dieser Welt ungerechte Gewalt ausgeübt wird und Menschen unsäglich leiden müssen? Leider haben wir uns an diese Gewalt so gewöhnt wie an den Anblick von Kreuzen am Wege.

Ich will mir vornehmen, mich vom Kreuz wieder verstören und ermahnen zu lassen, mich für Gewaltlosigkeit und Frieden einzusetzen. Wenn ich ein Kreuz am Weg sehe, weiß ich, dass Gewalt auszuüben nie der Weg Jesu Christi ist.

Ein Kreuz am Weg im Grünen – Hoffnung

Da sehe ich ein Kreuz mitten im grünen Wald – ein merkwürdiger Kontrast: der leidende, gequälte, sterbende Jesus umgeben von aufblühender Natur im Frühling. Auch dieses Symbol spricht zu mir. Als ich heute am Palmsonntag (5. April 2020) die Passionsgeschichte nach Matthäus in meiner Bibel las, sollte ich nach dem 27. Kapitel mit der Grablegung und der Bewachung des Grabes aufhören. Ja, und man sollte diese Spannung auch aushalten. Aber dann konnte ich einfach nicht anders – gerade in dieser Zeit – und musste weiterlesen: die Begegnung der Frauen erst mit dem Engel, dann mit dem auferstandenen Jesus selbst, die Begegnung mit den Jüngern in Galiläa und die Verheißung “und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt” (Mt 28,20). Ja, das Leid und der Tod Jesu sind nicht das Ende der Geschichte, Gewalt und Tod haben nicht das letzte Wort. Aus dem Kreuz wird ein Plus +, ein “Mehr” an Leben, über den Tod hinaus. Der gekreuzigte Jesus bleibt nicht im Tod, sondern siegt über den Tod. So wird das Kreuz zum Zeichen des Lebens und der Hoffnung. Die Auferstehung löst das Kreuz nicht auf, unser christlicher Glaube macht weder das Leid ungeschehen, noch kann er es beseitigen (sofern wir wirklich nichts dagegen tun können!), noch sollte er die Augen davor verschließen, dass immer noch Ungerechtigkeit und Gewalt herrschen. Daher steht uns das Kreuz vor Augen – als Trost, als Mahnung, aber auch als Zeichen der Hoffnung: Dieses Leben wird seine wahre Vollendung finden.


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