Genesis 2-4

Eine „entwicklungspsychologische“ Lektüre

Um zu vermeiden, dass Gott als ein Stümper erscheint, der es nicht schafft, den von ihm geschaffenen Menschen im Zaum zu halten, gehe ich davon aus, dass Gott von Anfang an den Menschen als freies (autonomes) Subjekt geplant und geschaffen hat. Theoretisch ist also der Mensch immer schon frei gegenüber Gott. Nur: Freiheit bleibt theoretisch und unbewusst, solange sie keine Grenzen wahrnimmt. Im Verlauf der Geschichte von Gen 2-3 und im Verlauf der Entwicklung eines Menschen zu einem verantwortlichen Subjekt („Erwachsen werden“) werden Grenzen bewusst – und bewusst überwunden („verletzt“). Freiheit und Autonomie werden – leider? – erst bewusst und als Realität erfahrbar, insofern der Mensch mindestens einmal eine Grenze überschreitet (= „vom Baum der Erkenntnis isst“). In diesem Moment gehen dem Menschen die Augen auf, und er erkennt, dass er sich immer wieder entscheiden muss (für das Gute und gegen das Böse). Diesen Moment gibt es im Leben eines jeden Menschen (der nicht aufgrund einer Erkrankung oder Behinderung in seinem Denken eingeschränkt ist). Dieses (subjektive) Empfinden des Menschen, dass er sich entscheiden muss, reflektiert Gen 2-3. Spielen wir theoretisch den Fall durch, dass sich der Mensch nie gegen das Gute (gegen das Gebot Gottes) entscheidet und immer nur das Gute wählt – es wäre das Paradies, aber der Mensch wüsste nicht (oder allenfalls nur theoretisch) von seiner Freiheit; im Grunde könnte er sich nie sicher sein, ob er wirklich die Möglichkeit hätte, sich gegen das Gute/das Gebot Gottes zu entscheiden. Diesen Prozess des Wissend-Werdens, also des tatsächlichen Erfassens der Freiheit (und zugleich des Zwangs, sich zu entscheiden), macht jeder Mensch durch, und dies spiegelt Gen 2-3 paradigmatisch. Die Absicht ist pädagogisch: Aus der Erzählung soll der Mensch lernen, dass er (früher oder später in seiner sittlichen Entwicklung) die Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungsnotwendigkeit hat („Erkenntnis von Gut und Böse“, und zwar auch praktisch!) – und dass er dann sich bitte auch für das Gute entscheiden möge. Um zu zeigen, dass es tödliche Folgen hat, wenn sich der Mensch nicht für das Gute, sondern gegen die lebensförderliche Weisung Gottes entscheidet, wird in Gen 4 der größte anzunehmende sittliche Unfall erzählt, der Brudermord. Damit wird die Sünde zum ersten Mal Wirklichkeit, hier taucht das Wort ja auch erst auf.

Somit ist Gen 2-3 die – durchaus schmerzhafte – Entdeckung der Autonomie durch eine paradigmatische Grenzüberschreitung (wie sie jedem Menschen passiert, wenn er erwachsen wird). Dass in Gen 3 dann noch die Verantwortlichkeit vom Menschen auf seine Frau und von der Frau auf die Schlange geschoben wird, ist ebenfalls ein Spiegel dieser Entwicklung: Die erste Reaktion von Heranwachsenden, denen bewusst wird, dass sie etwas Lebensabträgliches (Schlechtes) getan haben, ist das Abstreiten und Wegschieben. Gen 3 macht klar, dass das nicht funktioniert, sondern dass der Mensch die Folgen seines Handelns tragen muss. Zugleich bleibt der Mensch in der Fürsorge Gottes (im Bild: „Kleider“), und er bekommt die lebensförderliche Weisung Gottes.

Von einer „Erbsünde“ kann man dann allenfalls insofern sprechen, als der Mensch in diese Verhältnisse hineingeboren wird, als potentiell autonom, und dass er diese Autonomie entdecken muss, dass dies schmerzlich ist, und dass er sich dann immer wieder neu für das Gute entscheiden muss (und leider immer wieder scheitern wird). Insofern kann hier sowohl jüdisches Versöhnungsdenken mit dem Yom Kippur anschließen als auch christliche Soteriologie mit der Erlösung durch Jesus Christus. Man könnte noch fragen, warum das Gott so und nicht anders gemacht hat – er hätte die Möglichkeit gehabt, es ganz anders und den Menschen „perfekt“ erschaffen können. Doch ein „perfekter“ Mensch braucht keine Liebe, weil ja ohnehin alles in Ordnung ist. Gott aber will die freie Entscheidung des Menschen als Gegenüber; der Mensch soll sich in Freiheit für das Gute und für die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen entscheiden. Das ist die Herausforderung. Eine Lust, wenn es gelingt, eine Last, wenn es misslingt; eine Last auch dahingehend, dass man das immer wieder neu angehen muss. Wahrscheinlich besteht das Paradies dann (eschatologisch) darin, dass man sowohl um die Freiheit weiß als auch durch die auf das Herz geschriebene Weisung Gottes (Jer 31,31-34) stets das Gute tut. (Thomas Hieke)