Bauks, Theologie des AT

Michaela Bauks, Theologie des Alten Testaments. Religionsgeschichtliche und bibelhermeneutische Perspektiven, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2019 (UTB 4973), 472 Seiten, ISBN 978-3-8463-4973-1.

Michaela Bauks orientiert ihre „Theologie des Alten Testaments“, die als Lehrbuch gedacht ist, am „Grundriß der alttestamentlichen Theologie“ von Walther Zimmerli (41982), verwendet den Ansatz von Paul Ricœur als hermeneutische Erdung und sieht in der Theologie des Alten Testaments von Jörg Jeremias (2015) einen „imaginären Gesprächspartner“ (Vorwort). Sie verknüpft mit ihrer Herangehensweise einen literaturgeschichtlich-chronologischen Weg mit einer systematischen Ausrichtung und einem Blick auf die Erzählblöcke der Endgestalt der Hebräischen Bibel. Dabei berücksichtigt sie sowohl die altorientalische Traditionsgeschichte als auch bibelhermeneutische Überlegungen zur Wirkungsgeschichte biblischer Texte. Das ist ein großes Vorhaben.

Das Werk hat drei Teile. (1) In der Einführung skizziert B. zunächst die Entstehung der Theologie des Alten Testaments als Disziplin (von J.Ph. Gabler bis J. Jeremias). Die Literaturangaben, die auf die Hauptabschnitte des Werks verteilt sind, sind in aller Regel umfassend und weiterführend. Insofern vermisst man hier einen weiteren aktuellen Entwurf aus katholischer Feder (G. Fischer, Theologien des Alten Testaments, Stuttgart 2012). Sodann widmet sich B. dem Verhältnis von Theologie und Religionsgeschichte, den materialen Zeugnissen für die Rekonstruktion alttestamentlicher Theologie(n) und dem hermeneutischen Bezugsrahmen. Mit Paul Ricœur unterscheidet B. die Bibel von anderer Literatur dahingehend, dass die Bibel eine „Wirklichkeit des Möglichen“ entwirft, in der die Gottesbeziehung und die Aneignung durch die Leserschaft eine zentrale Stellung einnehmen.

(2) Der weitaus größte Teil wird mit Theologische Themen in ihren biblischen Kontexten überschrieben und beschreibt die Hebräische Bibel als Offenbarungsgeschichte JHWHs nach dem Aufriss von W. Zimmerli. Von den acht Unterkapiteln beginnen die meisten mit „Der Gott Israels/JHWH offenbart sich“: in seinen Namen, in der Befreiung aus Ägypten, in den Verheißungen an die Erzeltern, als Schöpfer und König der Welt, als Gott am Sinai/Horeb (in Bund und Gesetz), in Gericht und Heil (prophetische Literatur). Klage und Lob im Psalter sowie traditionelle Weisheit und weisheitliche Skepsis runden diesen Teil ab. Immer wieder werden lange Passagen aus der Bibel zitiert. Dieser Durchgang liefert einen hilfreichen Überblick über die Verknüpfung bibeltheologischer Themen mit den verschiedenen Teilen und Gattungen der Hebräischen Bibel. Der große Hauptteil wird mit „2.9 Theologische Strömungen in der hebräischen Bibel“ abgeschlossen, aber faktisch ist dieses Unterkapitel eine spannende Literaturgeschichte der Hebräischen Bibel, wie B. sie sieht. Eine tabellarische Übersicht der „theologischen Strömungen“ dient als Zusammenfassung.

Teil 3 systematisiert Alttestamentliche Theologie als polyphone Rede von Gott anhand von sechs Einzelthemen (Monotheismus, Bilderverbot, Bedeutung und Verwendung des Gottesnamens, Königtum und Eschatologie, Israels Geschick, der Bezugsrahmen „Heilige Schrift“). Bei allen Themen zeigt B. die religionsgeschichtliche Entwicklung auf, so etwa die chronologische Entwicklung vom Polytheismus über die Monolatrie zum Monotheismus oder die Entstehung des biblischen Kanons. Hinzu kommen hermeneutische (z.B. Kanonhermeneutik) und weiterführende Fragestellungen (z.B. die Heiligung des Gottesnamens, Kosmotheologie, die Bezogenheit von Altem und Neuem Testament).

Die Praxisorientierung des Werks für Studierende und kirchliche Mitarbeiter*innen zeigt sich in kleineren Zusammenfassungen, die grau hinterlegt sind, und an zwei Anhängen: Alttestamentliche Themen und Texte in der protestantischen Perikopenordnung und in den curricularen Standards der Lehrpläne in sechs Bundesländern. Beides ist fraglos sehr hilfreich, man vermisst aber Analoges zur katholischen Leseordnung (OLM bzw. RCL) sowie zu den anderen Bundesländern. Dafür würden sich (um den Umfang des gedruckten Buches nicht zu sprengen) Beigaben im Internet, die auch aktualisiert werden können, empfehlen. Ausführliche Register erschließen den Band.

Michaela Bauks hat einen stark an der Geschichte orientierten theologischen Überblick über das Alte Testament vorgelegt, und wer dieses Werk durchgearbeitet hat, hat viel über das Alte Testament gelernt.

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