Vroom, The Authority of Law

Jonathan Vroom, The Authority of Law in the Hebrew Bible and Early Judaism. Tracing the Origins of Legal Obligation from Ezra to Qumran (JSJ.S 187), Leiden: Brill 2018, 270 p., € 95,00, ISBN: 978-90-04-36449-3.

(English version see below)

Diese Studie geht zurück auf die Ph.D.-Dissertation des Autors an der Universität von Toronto (supervisor: Sarianna Metso; Beratung: Bernard Levinson). Sie bezieht grundlegende Überlegungen zur Rechtstheorie ein, um die Entwicklung der Autorität des „Gesetzes des Mose“ und dessen Verpflichtungscharakters im Frühjudentum zu beschreiben („when written law in early Judaism came to be treated as a source of binding obligation“, S. 201). Das Grundproblem kam mit der Entdeckung des Codex Hammurapi auf, als man feststellte, dass die zu Tausenden gefundenen Rechtsurkunden Mesopotamiens kein einziges Mal die Gesetze des berühmten Königs zitieren oder erwähnen. Warum also wurden diese Gesetze geschrieben, wenn ihnen scheinbar im Rechtsalltag keine bindende Wirkung zukam? Wann aber kam es dann im antiken Vorderen Orient und im frühen Judentum dazu, dass das geschriebene Gesetz zu einer rechtsverbindlichen Autorität mit verbindlicher Verpflichtung für die beteiligten Rechtssubjekte und -objekte wurde? Die letztere Frage ist das äußerst bedeutsame Problem, das Vroom in seiner Studie angeht. Dazu will er nach Evidenzen in den Quellentexten suchen, die darauf schließen lassen, dass die Gemeinschaft der Rechtssubjekte dem geschriebenen Gesetz explizit Rechtsverbindlichkeit zumaß. Die Methode dafür entwickelt Vroom aus intensiven Studien von Rechtstheorien und wendet sie dann auf die Quellentexte an. „The main objective of this study is to develop a method for identifying when an early Jewish interpretive source treats a legal text as a binding obligation, and to apply this method to a selection of interpretive sources“ (S. 7). Das Problem des möglichen Anachronismus ist ihm bewusst und wird plausibel reflektiert (S. 7–10).

Dem Programm entsprechend, besteht die Studie aus zwei Hauptteilen: Theorie und Methode (S. 13–97) und Textanalyse (S. 99–201). Eine ausführliche Schlussfolgerung (S. 202–213) fasst den Ertrag der Studie zusammen. Auf S. 38–39 findet man eine hilfreiche Übersicht über die Methode des Autors: Die Rechtsverbindlichkeit von Bestimmungen erfordert Allgemeinheit, Klarheit, Konsistenz und Praktikabilität – und diese Anforderungen treffen auf bestimmte Herausforderungen (z.B. steht die Praktikabilität in Frage, wenn Auslegungen zu absurden oder unmoralischen Ergebnissen führen; Widersprüche müssen beseitigt, Lücken gefüllt werden). Sobald ein Text, der Rechtsbestimmungen auslegen will, sich mit diesen Herausforderungen auseinandersetzt und z.B. die Bestimmungen verallgemeinert, präzisiert, Lücken füllt, Ausnahmen für den Fall absurder Konstellationen bereithält usw., kann man davon ausgehen, dass dieser interpretierende Text die Rechtsbestimmungen für rechtsverbindlich (und nicht mehr nur als Schulungsbeispiele o.ä.) ansieht. Vroom wendet diese Überlegungen testhalber auf die Auslegung des Schabbatgebotes durch die Damaskusschrift (CD) an, da dieses frühjüdische Werk die Bestimmungen der Tora mit Sicherheit als rechtsverbindlich ansah – im Gegensatz zu früheren, innerbiblischen Interpretationen des Schabbatgebotes, die sich den genannten Herausforderungen gerade nicht stellen. Am Ende des Theorieteils stellt Vroom fest, dass der Punkt des autoritativen (rechtsverbindlichen) Status einer Rechtsbestimmung dann erreicht ist, wenn die Spannung zwischen Autorität und Interpretation zu Diskussionen führt. Eine sich permanent weiterentwickelnde Gemeinschaft braucht Anpassungen ihrer Gesetze und Rechtsnormen – das muss die Interpretation der als autoritativ angesehenen Texte leisten, und darüber wird in den interpretierenden Texten eben gestritten. Vroom geht damit zur Textanalyse über und wendet seine Theorie und Methode an folgenden Texten an: die Interpretation der Bestimmungen zum Yom Kippur in der Tempelrolle (die den Tora-Text als rechtsverbindlich ansieht), die Abweichungen im Bundesbuch zwischen dem MT und dem Samaritanischen Pentateuch (der das Bundesbuch als rechtsverbindlich betrachtet), die Interpretation und Umformulierungen von Tora-Texten in den Strafbestimmungen der Qumran-Literatur (die gerade nicht auf Rechtsverbindlichkeit aus sind, sondern performativen und paränetischen Charakter haben) und schließlich die Bezüge zur Tora im Esra-Nehemia-Buch (das zwar immer wieder auf die Autorität der Tora verweist, aber keineswegs den exakten Wortlaut als verbindliche Rechtsquelle einsetzt – anders als etwa die Tempelrolle). Vrooms Zusammenfassungen zu Theorie und Methode sowie zur Textanalyse ab S. 201 sind ausgesprochen hilfreich. Wegweisend ist seine Skizze zur Entwicklung des Grades der Rechtsverbindlichkeit schriftlicher „Gesetzes“-Texte auf S. 210–212: von der „epistemic authority“ der altorientalischen und biblischen Rechtstexte, die Moral und Rechtsbewusstsein der Gemeinschaft schulen wollen, aber keine rechtsverbindlichen Gesetze im heutigen Sinne darstellen, über eine „practical authority“, die durch Tora-Experten vermittelt wird, die Rechtsverbindlichkeit einfordern, ohne auf den exakten Wortlaut zu rekurrieren (Esra-Nehemia), bis hin zur einer „practical authority“, die den Herausforderungen, die die Verbindlichkeit der Rechtstexte gefährden, entgegentritt und durch ihre Interpretation das Gesetz verallgemeinert, systematisiert, von Widersprüchen und Absurditäten befreit und Lücken auffüllt (Beispiel: die Tempelrolle, der Samaritanische Pentateuch, die Halacha des Midrasch). Erst jetzt wird der exakte Wortlaut entscheidend und erst auf dieser Interpretationsebene wird aus den Rechtstexten der Tora rechtlich bindendes Gesetz, so dass sich das Individuum gezwungen sieht, das Gesetz zu erfüllen, einfach, weil das Gesetz es so sagt.

Jonathan Vroom hat einen sehr komplexen Sachverhalt untersucht und eine äußerst schlüssige Methode entwickelt. Diese hat er erfolgreich an wichtigen Texten des Frühjudentums erprobt; wie er selbst sagt, müsste sie nun an weiteren Texten angewandt werden, um das Bild der geschichtlichen Entwicklung der Rechtsverbindlichkeit zu verfeinern. Damit ist Vrooms Studie ein sehr wichtiges Buch. Es ist unverzichtbar für alle, die sich mit biblischen „Rechtstexten“ befassen. Es leitet zu einem vertieften und differenzierten, historisch reflektierten Verständnis dieser Texte und ihrer frühen Rezeption an.


English version translated with DeepL.com/Translator (free version). The English version will not be published by Biblische Notizen.

This study goes back to the Ph.D. thesis of the author at the University of Toronto (supervisor: Sarianna Metso; consultant: Bernard Levinson). It includes fundamental considerations on legal theory in order to describe the development of the authority of the “Law of Moses” and its obligatory character in early Judaism (“when written law in early Judaism came to be treated as a source of binding obligation”, p. 201). The basic problem arose with the discovery of the Codex Hammurapi, when it was discovered that the thousands of legal documents found in Mesopotamia did not once quote or mention the laws of the famous king. So why were these laws written when they did not seem to have any binding effect in everyday legal life? But when in the ancient Near East and early Judaism did the written law become a legally binding authority with binding obligations for the legal subjects and objects involved? The latter question is the extremely important problem that Vroom addresses in his study. To this end, he will look for evidence in the source texts that suggests that the community of legal subjects explicitly considered the written law to be legally binding. Vroom develops the method for this from intensive studies of legal theories and then applies it to the source texts. “The main objective of this study is to develop a method for identifying when an early Jewish interpretive source treats a legal text as a binding obligation, and to apply this method to a selection of interpretive sources” (p. 7). He is aware of the problem of possible anachronism and is plausibly reflected upon (pp. 7-10).

According to the program, the study consists of two main parts: Theory and Method (pp. 13-97) and Text Analysis (pp. 99-201). A detailed conclusion (pp. 202-213) summarizes the results of the study. A helpful overview of the author’s method can be found on pp. 38-39: The legally binding nature of regulations requires generality, clarity, consistency and practicability – and these requirements meet certain challenges (e.g. practicability is questioned when interpretations lead to absurd or immoral results; contradictions must be eliminated, gaps filled). As soon as a text that wants to interpret legal provisions deals with these challenges and e.g. generalises, clarifies, fills gaps, provides exceptions for the case of absurd constellations etc., one can assume that this interpreting text regards the legal provisions as legally binding (and no longer only as training examples etc.). Vroom applies these considerations as a test to the interpretation of the Shabbat commandment by the Damascus script (CD), since this early Jewish work certainly regarded the provisions of the Torah as legally binding – in contrast to earlier, intra-Biblical interpretations of the Shabbat commandment, which do not face up to the aforementioned challenges. At the end of the theoretical part, Vroom states that the point of the authoritative (legally binding) status of a rule of law is reached when the tension between authority and interpretation leads to discussion. A constantly evolving community needs to adapt its laws and legal norms – this is what the interpretation of texts considered authoritative has to do, and this is what is disputed in the interpretive texts. Vroom thus moves on to text analysis and applies his theory and method to the following texts: the interpretation of the provisions on the Yom Kippur in the temple scroll (which regards the Tora text as legally binding), the differences in the Book of the Covenant between the MT and the Samaritan Pentateuch (which regards the Book of the Covenant as legally binding), the interpretation and rewording of Tora texts in the penal provisions of the Qumran literature (which are not currently seeking legally binding), and finally the references to the Torah in the book of Ezra-Nehemiah (which, although it repeatedly refers to the authority of the Torah, by no means uses the exact wording as a binding source of law – unlike, for example, the temple scroll). Vroom’s summaries on theory and method as well as on text analysis from p. 201 are extremely helpful. His sketch on the development of the degree of legally binding character of written “law” texts on pp. 210-212 is groundbreaking: from the “epistemic authority” of the ancient oriental and biblical legal texts, which want to train morality and legal consciousness of the community, but do not represent legally binding laws in today’s sense, to a “practical authority”, which is mediated by Torah experts, who demand legally binding character without referring to the exact wording.

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