Janowski, Anthropologie

Bernd Janowski, Anthropologie des Alten Testaments. Grundfragen – Kontexte – Themenfelder, Tübingen: Mohr Siebeck, 2019, 805 Seiten, ISBN 978-3-16-150236-1, 44 EUR Broschur. ISBN 978-3-16-156935-7, 99 EUR eBook.

Bernd Janowski (J.) legt ein Standardwerk zur „Anthropologie“ vor – der Singular steht für die allgemeinen Grundlagen und Zusammenhänge der vielfältigen Aussagen des Alten Testaments über den Menschen und die Menschen. J. will der Kohärenz dieser Aussagen ebenso wie deren Vielfalt gerecht werden (S. 42). Ergebnis ist ein wahres Meisterwerk, das jede/r Student/in der Theologie zu Rate ziehen wird. Auch die Fachexegese darf sich über ein äußerst hilfreiches Handbuch freuen, das man durcharbeiten und auf das man immer wieder als Nachschlagewerk zurückgreifen wird. Dem Mohr Siebeck-Verlag ist für die moderate Preisgestaltung der Broschur-Ausgabe und die Erstellung eines eBook (s.u.) zu danken.

Der beachtliche Umfang des Buches ist seiner ansprechenden didaktischen Aufbereitung und Zugänglichkeit geschuldet. Drei Aspekte seien hervorgehoben: Erstens bevorzugt es J., die Bibeltexte, über die er schreibt, in eigener Übersetzung vollständig abzudrucken, meist in hervorgehobener grafischer Gestaltung. So werden Strukturen und Inhalte unmittelbar einsichtig. Zweitens bettet J. seine Ausführungen in das altägyptische, altorientalische, hellenistische und römische Umfeld sowie in die Rezeption im antiken und rabbinischen Judentum und im Koran ein. Dazu werden Quellentexte im Anhang gesammelt (S. 551–699: von Q 1, dem Gilgamesch-Fragment: „Gilgamesch, wohin läufst du?“ bis Q 221, Koran, Sure 21,30–33, zum Weltbild des Koran). Im Buchkorpus wird mit einem fettgedruckten Q + Ziffer auf diesen Quellenanhang verwiesen. Drittens veranschaulicht J. seine Ausführungen durch zahllose Diagramme, Listen und Übersichten, die das Beschriebene noch nachvollziehbarer machen. Sodann werden die Ausführungen durch Strichzeichnungen von Darstellungen und Inschriften aus dem alten Ägypten und dem Alten Orient illustriert. Zum Umfang des Buches trägt nicht zuletzt die umfassende Bibliographie bei (S. 701-776).

Die „Anthropologie“ ist in sieben große Teile gegliedert. In der Einführung (I) behandelt J. Grundsatzfragen und erläutert, inwiefern er bei der klassischen Darstellung von Hans-Walter Wolff (1973) ansetzt, dann aber mit der neueren Forschung darüber hinausgeht. Seit Wolffs Klassiker ist zwar sehr viel zur „alttestamentlichen Anthropologie“ publiziert worden, aber das Verdienst J.’s ist es, hier eine neue systematisierende Synthese erreicht zu haben. Abschnitt II ist den Phasen des menschlichen Lebens gewidmet: Wie spricht das Alte Testament, unter dem J. meist die Hebräische Bibel, gelegentlich aber auch die deuterokanonischen (apokryphen) Schriften versteht, vom Beginn (Erschaffung, Geburt) und Ende (Tod) des menschlichen Lebens? Wie werden Kindheit, Jugend, Erwachsenenleben und Alter gesehen? Wie ist das Verhältnis von Frau und Mann? In Abschnitt III geht J. auf den Menschen als Person ein und beleuchtet die „Leibsphäre“ (Körper und Organe, Emotionen) und die „Sozialsphäre“ (Zusammenleben, Ethos, Anerkennung, gemeinschaftswidriges Verhalten, Missachtung). Kapitel IV ist dem sozialen Handeln gewidmet (Arbeit und Ruhe, Wirtschaft und Recht, Kommunikation, Gebet, Musik, Opfer). Sodann geht J. auf Räume und Zeiten als Kategorien der Welterfahrung ein (V) und unterscheidet zunächst den natürlichen und sozialen Raum der konkreten Welt vom symbolischen Raum der Erzählungen. Ähnlich geht er bei der Zeit vor und differenziert zwischen der natürlichen und sozialen Zeit der realen Welt einerseits und der konstruierten Gliederung der Zeit durch religiöse Feste als Kontrapunkte zur Alltagswelt andererseits. Auch wenn J. den roten Faden und die anthropologischen Konstanten herausarbeiten will (die Anthropologie im Singular), weiß er doch um die Vielfalt der Menschenbilder („Anthropologien“) der verschiedenen Textzeugnisse. So differenziert er in Kapitel VI zwischen der Tora (die Anthropologie der nicht-priester[schrift]lichen Urgeschichte im Unterschied zur um Schuld und Versöhnung kreisenden priesterlichen Anthropologie) und den „Propheten und Schriften“ (Anthropologie des Königtums: judäische Königsideologie und königlicher Mensch; Stellvertretung: Gottesknecht, Neuschöpfung des Sünders). Den „Schriften“ wird dann noch ein dritter Unterabschnitt gewidmet, um der Anthropologie der Psalmen und der Weisheitsliteratur (Sprüche, Ijob) gerecht werden zu können. In Kapitel VII strebt J. dann eine Synthese an. Die „Grundzüge alttestamentlicher Anthropologie“ entfaltet er entlang einer Literar- und Theologiegeschichte, um die diachronen Entwicklungen des bzw. der alttestamentlichen Menschenbildes/-bilder zu zeigen. Als thematische Schwerpunkte sieht J. drei Aspekte: die Erfahrung der Leiblichkeit, das Ethos der Gerechtigkeit und das Bewusstsein der Endlichkeit. So resümiert er seine Beobachtungen, um zum Schluss noch einmal die Frage „Was ist der Mensch?“ zu stellen. J. rekurriert wieder auf Psalm 8 und kontrastiert ihn mit einem bekannten Zitat aus Immanuel Kants Kritik der praktischen Vernunft (1788): Der Psalm vertrete ein anspruchsvolleres Konzept, da er den gestirnten Himmel als den Himmel Gottes sehe und nicht nur auf das unsichtbare Selbst des vernunftbestimmten Menschen, sondern auf den fürsorgenden Gott blicke. Ohne zum Menschenbild des Alten Testaments zurückkehren zu wollen – das gibt es nur als Reise in die Vergangenheit – plädiert J. dafür, die „Empathie des Schöpfergottes“ (S. 547) als „Basis für alles andere“ anzusehen. Da die anthropologischen Einsichten des Alten Testaments „uns mehr als uns zuweilen bewusst ist“ prägen, bleibe es Aufgabe von Theologie und Kirche, diese in Erinnerung zu halten.

Die „Anthropologie des Alten Testaments“ von Bernd Janowski ist ein umfassendes Referenz- und Quellenwerk, das zum griffbereiten Handbuch der Exegetinnen und Exegeten sowie zur Basisliteratur im Theologiestudium werden wird. Wer intensiver in das „jüdisch-christliche Menschenbild“ einsteigen will, dem sei die Lektüre und das Durcharbeiten wärmstens ans Herz (im alttestamentlichen Sinne: Zentralinstanz von Fühlen, Denken und Wollen, s. S. 148–155) gelegt.

Noch ein Wort zum eBook: Die „Anthropologie“ steht als PDF (56 MB) zur Verfügung. Ich sehe folgende Vorteile der elektronischen Ausgabe: Auf dem Notebook hat man sie immer dabei. Ein solches Standardwerk wird man immer wieder zu bestimmten Themen abschnittsweise zur Hand nehmen – dafür kann man sich einzelne Seiten gezielt ausdrucken, falls man lieber auf Papier arbeitet. Das eBook ermöglicht die Suche nach bestimmten Stichwörtern – schneller und gezielter als jedes Register. Vor allem aber verdient es dieses Buch, in der Lehre eingesetzt zu werden. Das wird durch die elektronische Fassung sehr erleichtert. Eine feine Sache!

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