T&T Clark Handbook of Sexualities in the Bible

Chris Greenough, Caroline Blyth (eds.), T&T Clark Handbook of Sexualities in the Bible and Its Reception, London et al.: T&T Clark, 2026. Pp. xviii + 412. ISBN 9780567712363 (Hardback). ISBN 9780567712400 (Paperback). ISBN 9780567712370 (ePDF). ISBN 9780567712394 (eBook)

Die Rezension wird in Biblische Notizen erscheinen.

Dieses wichtige Handbuch erläutert nicht, was die Bibel zum Thema Sexualität sagt. Es behandelt etwas viel Bedeutsameres: Wie spiegelt sich die Vielfalt menschlicher Sexualitäten in biblischen Texten wider und wie haben Menschen ihre eigene Vielfalt in biblischen Texten gesehen? Welche Unterdrückungs- und welche Befreiungsgeschichten gibt es hier? Die 24 beitragenden Personen kommen aus oder arbeiten in Australien, Neuseeland, dem Vereinigten Königreich, den USA, Deutschland, Israel, Indonesien und Kanada. Sie verfolgen breite methodologische Zugänge und arbeiten interdisziplinär und intersektional: „sexuality and gender studies, queer studies, biblical and religious studies, sociology, anthropology, philosophy and psychology“ (S. 2). Das Handbuch zielt auf ein ebenso breites Publikum aus professionellen Verantwortungstragenden für die Religionsausübung, den Glauben Praktizierenden, Aktivist:innen, gebildeten Laiinnen und Laien – alle, die ein Interesse daran haben, die Vielfalt menschlicher Sexualität in den biblischen Traditionen tiefer zu verstehen, ihre Rezeptionsgeschichte nachzuzeichnen und Implikationen für heutige Diskurse auszuloten. Da weiterhin Menschen durch den Missbrauch biblischer Texte oder durch Fehlinterpretationen andere verletzen, ausschließen, mundtot machen, ist dieses Buch von entscheidender Relevanz. Die Sammlung der Beiträge zielt darauf ab, „Bibel“ (in ihrer Vielfalt) mit „Sexualitäten“ in ein kritisches, kreatives und manchmal unbequemes Gespräch zu bringen (vgl. S. 3). Der Plural benennt ein Spektrum unterschiedlicher subjektiv-individueller, sozialer, historischer und kultureller Erscheinungsformen.

Die sehr hilfreiche Einleitung listet vorausgehende bzw. grundlegende Werke auf und deutet kurz an, worum es in den Einzelbeiträgen geht. Das ist insofern nötig, da die Titel dieser Artikel neugierig machen, aber nicht gleich erfassen lassen, worum es jeweils geht. Das Inhaltsverzeichnis steht auf der Internetseite des Verlags. Die Artikel sind vier Teilen zugeordnet, und deren Bezeichnungen lassen die thematischen Stoßrichtungen erkennen.

(1) Jenseits der Heteronormativität – Untersuchungen dominanter und unterdrückter Formen von Sexualität. Hier zeigt sich, wie im biblischen Zeugnis über Jesus Christus eine Reihe von queeren Aspekten zu finden sind, wie biblische Texte aus einer lesbischen Perspektive bereichernd gelesen werden können und wie das Buch Kohelet eine überraschend große Bandbreite menschlicher Beziehungsformen bespricht. Sodann bietet der vierte Artikel eine knappe Zusammenfassung der Geschichte homoerotischer Bibelinterpretation seit der beginnenden Neuzeit. Das fünfte Essay behandelt Asexualität.

(2) Sexualitäten und Identitäten: Hier prägt Chris Greenough das Kofferwort „intersextions“ als Verschmelzung von „sexuality“ und „intersectionality“. Die Artikel zeigen, wie die verschiedenen Identitäten von Menschen immer auch mit Sexualität interagieren. So geht es hier um Sexarbeit in der Bibel, um Körperbehinderung und Sexualität, um die Aufarbeitung von Verletzungen an Menschen aus der LGBTQIA+Community durch den Missbrauch der Bibel und um den Kampf um die „Wahrheit“ der „biblischen“ Position zu Sexualität in bestimmten evangelikalen Kreisen (Pentecostal-Charismatic Christians). Letzterer Artikel kann philosophisch-logisch nachweisen, dass es eine absolute, nicht-diskursiv erreichbare „Wahrheit“ (entgegen den Behauptungen der fundamentalistischen Positionen) gar nicht geben kann. Dazu passt ein Artikel, der vermittelt, wie sowohl in der Debatte um Abtreibung als auch um Vegetarismus die Bibel für Pro- und Contra-Argumente herangezogen wird. Für beide Thematiken gibt die Bibel keine direkten Auskünfte, so dass Schritte der Hermeneutik bzw. Auslegung erforderlich sind – so ist zu lernen, dass die Bibel in jedem Fall nicht einfach den „Willen Gottes“ und fertige Antworten, sondern Anstöße für weitere Diskussionen liefert.

(3) Ausgeübte Sexualitäten: Die Artikel behandeln Themen wie Menstruation (und deren fraglicher metaphorischer Gebrauch für moralische Unreinheit bzw. Sünde) oder die vermeintlichen Probleme, die der weibliche Körper für manche kirchliche Gemeinschaften und Gemeindemitglieder darstellt (und dass dahinter schlicht die Instrumentalisierung natürlicher Vorgänge für männliche Machtinteressen steckt). Der Artikel über den „idealen Penis“ reflektiert das Thema Beschneidung, dessen metaphorische Verwendung zur moralischen (Dis-)Qualifikation und die weitere Rezeption und Ausdeutung in der Antike sowie die unterschiedlichen Idealvorstellungen hinsichtlich der Vorhaut in Bibel und Judentum einerseits und griechisch-römischer Kultur andererseits. Weitere Artikel befassen sich mit Lust und Erotik im Hohelied (jenseits reiner Fortpflanzung), mit den Implikationen der Metapher „Christus als Bräutigam“ (basierend auf einer Auslegung des Hoheliedes) und mit dem Verhältnis von Theologie und Pornografie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.

(4) Gewalt und Sexualitäten im Verhör: Dieser Abschnitt untersucht die Facetten des komplexen Verhältnisses von Gewalt und Sexualität. Dazu gehört auch die von gefährlicher hegemonialer Maskulinität gesättigte Beziehung zwischen Gott und David sowie der Einsatz von Sexualität als Waffe mit Überwindung heteropatriarchaler Frauenbilder im Buch Judit. Weitere Artikel behandeln differenziert die Themen Inzest (v.a. Lev 18 und 20) und Voyeurismus (v.a. Batseba, Susanna, Noach), wie sie in der Bibel und ihrer Rezeption behandelt werden. Zahlreichen theologischen Auslegungen entgegen steht ein Artikel, der Marias Antwort in der Verkündigungsszene in Lukas 1 als nüchterne Anerkennung der Benutzung ihres Körpers durch den göttlichen Plan liest – und damit im Kontext von Versklavung und sexueller Gewalt, wie sie in der Antike üblich waren. Damit gibt Maria ihr Einverständnis zu etwas, das ohnehin stattfinden wird (unabhängig davon, was sie wirklich davon hält oder dazu empfindet). Der letzte Artikel liest die Ehemetaphorik in Hosea 1–2 aus postkolonialer und feministischer Perspektive und betont gegenüber bisherigen feministischen Ansätzen, dass hier auch koloniale Muster der gewaltvollen Ausbeutung der Fruchtbarkeit des Bodens und des reproduktiven Körpers der Frau identifiziert werden können.

Das Nachwort skizziert, was noch behandelt werden muss und im vorliegenden Band unterrepräsentiert ist (z.B. HIV/AIDS, nicht-binäre und trans* Identitäten in biblischen Texten, Bisexualität und BDSM einerseits, Sexualitäten im globalen Süden und indigenen Traditionen andererseits). Eine Einbeziehung dieser Aspekte hätte den Umfang vermutlich verdoppelt. Dieses Handbuch bietet aber auch so einen wertvollen Schatz an Informationen und Perspektiven aus einer Fülle an Disziplinen, denn die Beitragenden weisen Expertisen in vielen Feldern auf: Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Jura, Medizin u.a.m. Dieser interdisziplinäre Ansatz weitet den theologischen Horizont, und die umfangreichen Angaben von Sekundärliteratur machen das Handbuch zu einem willkommenen Ausgangspunkt für vertiefende Studien. Gerade weil die Bibel immer wieder benutzt wird, um Menschen in ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität und in ihrer Körperlichkeit auszuschließen und zu verletzen, bleibt dieses Handbuch von erheblicher Wichtigkeit in den human- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen.

Thomas Hieke, Mainz