Theologie und Corona-Krise

Hat die Theologie Antworten auf die Corona-Pandemie?

Ein Interview

auch auf katholisch.de, 17.07.2020)

Vielfach wird gesagt, die Kirchen und die Theologie hätten keine Antworten auf die Corona-Krise, ja, hätten sich nicht einmal geäußert. Ist die Theologie nicht systemrelevant?

Es hat sich gezeigt, dass Kirchen und Theologie nicht auf eine Pandemie diesen Ausmaßes vorbereitet waren (aber das waren andere Bereiche auch nicht). “Systemrelevant” ist ein Kampfbegriff, mit dem man andere diffamieren kann, wenn man sich selbst für “systemrelevant” hält. Im engeren und engsten Sinn sind jetzt natürlich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragt, die sich mit Viren auskennen, also die Medizin – und dann vor allem die vielen Pflegekräfte in Krankenhäusern, Seniorenheimen und Arztpraxen, die sich um die Erkrankten kümmern. Mit einem Wort: Diese Pandemie bekämpfen wir zuerst und vor allem mit Vernunft, medizinischer Wissenschaft und Pflege.

Theologie kommt also da nicht vor. Hat sie sich als unwichtig erwiesen?

Für die Theologie kann ich sagen, dass derjenige, der vor der Krise nicht nach Gott gefragt hat, das jetzt angesichts der Pandemie auch kaum tun wird. Es sei denn, er wird schrecklich krank und wendet sich in seiner verzweifelten Not an Gott. Auch das kann man tun. Aber die Theologie ist in dieser Zeit der Pandemie schon gefordert, und zwar von denen, die noch Fragen haben.

Was wären das für Fragen?

Ich kann mir schon vorstellen, dass bei vielen Fragen aufkommen wie: Warum lässt Gott das zu? Ist Gott überhaupt dafür verantwortlich? Warum müssen so viele Menschen an COVID-19 sterben? Bringt es mir etwas in der Krise, wenn ich an Gott glaube?

Und darauf haben Sie Antworten?

Teils, teils. Ich als Theologe habe Antworten auf diese Fragen, aber, und das zeigt, dass Theologie eine Wissenschaft ist, jede Antwort löst neue, tiefere Fragen aus. Stellen wir uns etwa der Frage, ob Gott dafür – also für die Pandemie – die letzte Ursache ist, ob Gott all das womöglich ausgelöst hat. Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass es wesentlich humaner ist, den Ursprung der Krankheit und des Virus bei Gott zu suchen, als in irgendeiner blödsinnigen Verschwörungsideologie wahlweise die Chinesen, Bill Gates oder die jüdische Weltherrschaft verantwortlich zu machen. Eine nüchterne, vernunftbasierte Religion ist mir da lieber als jede Verschwörungsideologie, die letztlich doch nur aus Hass und Chauvinismus bestimmte Gruppierungen oder Minderheiten beschuldigen will.

Also Gott soll für COVID-19 verantwortlich sein, ist das Ihr Ernst?

Das Wort “verantwortlich” ist hier schwierig: Gott ist niemandem gegenüber “verantwortlich” und muss niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen. Gott muss sich auch nicht an meine Vorstellungen von “richtig” und “falsch” halten, Gott ist immer noch größer als all mein Denken und mein Bemühen um das Richtige. Die Entstehung der Corona-Pandemie ist ein sehr komplexer Vorgang, und vielleicht können wir das nie bis ins Letzte aufklären. Ich kann mich aber auch fragen, wenn ich an den “allmächtigen Gott” aus dem Glaubensbekenntnis glaube, ob es irgendetwas auf dieser Welt geben kann, das unabhängig und völlig losgelöst von Gott passieren kann? Außer natürlich das, was auf das Verhalten bzw. Fehlverhalten von Menschen zurückgeht, denen Gott die Freiheit gegeben hat. Auch die Freiheit übrigens, gegen Gottes Gebot und gegen die Vernunft zu handeln, leider.

Beim Propheten Amos lesen wir die herausfordernden Worte: “Brüllt der Löwe im Wald und er hat keine Beute? … Fällt ein Vogel zur Erde, wenn niemand nach ihm geworfen hat? … Geschieht ein Unglück in der Stadt, ohne dass der HERR es bewirkt hat?” (Amos 3,4-6). Mit den Bildern sagt der Prophet, dass jede Wirkung ihre Ursache hat. Jede Ursache kann aber auch als Wirkung einer dahinter liegenden Ursache aufgefasst werden, und so kann man zurückfragen und ist irgendwann – bei Gott. Wichtig ist dabei immer zu bedenken, dass das alles keine “definitiven” Aussagen darüber sind, wie Gott “an sich ist”, denn das wissen nicht einmal wir “Theologen”, sondern das sind menschliche Deutungen, mit denen wir versuchen, uns auf komplizierte Beobachtungen einen Reim zu machen.

Wir können aber auch die Gegenprobe machen: Wenn Gott nicht die letzte Ursache ist (und wenn auch in der Form des schlichten “Zulassens”) – wer ist es dann?

Der Zufall? Ist dann der Zufall mächtiger als Gott? Als an den einen Gott des jüdisch-christlichen Bekenntnisses glaubende Menschen haben wir keine Wahl: Ist er es nicht, wer ist es dann? So ähnlich fragt schon Ijob (Ijob 9,24). Wenn es ein Unfall oder Zufall war, den Gott nicht verhindern konnte, ist Gott nicht allmächtig. Einen nicht ganz so mächtigen Zauberer brauche ich aber nicht als Gott. Die Alternative wäre, an einen Gott zu glauben, der mit dieser Welt nichts (mehr) zu tun hat und sich nicht mehr um sie kümmert. Auch dieses „höhere Wesen“ brauche ich nicht, was soll es mir helfen?

Dann will Gott Menschen mit COVID-19 töten – wie furchtbar. Oder welchen Plan verfolgt Gott sonst damit?

Das ist alles sehr berechtigt gefragt, aber auch sehr menschlich gedacht. Gott spielt nicht Schach mit den Menschen und opfert ab und zu ein paar Bauern. Jeder einzelne Mensch, der an der Krankheit verstorben ist, zählt, und der Verlust ist zu betrauern. Ich weiß aber auch, dass diese Menschen wie alle unsere Verstorbenen nicht ins Nichts gefallen sind, sondern in die Welt Gottes hinübergegangen sind. Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, dieser Satz aus dem Buch der Weisheit ist mir sehr wichtig (Weish 3,1a). Die Verstorbenen sind in Gottes Hand gut aufgehoben. Aber viele trauernde Hinterbliebene sehen sich von geliebten Menschen getrennt. All das demonstriert unsere Begrenztheit und Endlichkeit als Menschen.

Will uns das Gott grausam lehren?

Gott ist weder Schachspieler noch Prügelpädagoge. Ich bin Theologe, was aber nicht bedeutet, dass ich die Gehirnwindungen Gottes ganz genau aufzeigen und Gottes Pläne offenlegen kann. Der Anthropologe in der Biologie weiß auch nicht, wie genau sich ein Mensch im nächsten Moment verhalten wird, und der Psychologe kann mit Mühe die Seelengeschichte eines Menschen erhellen, aber auch nicht hundertprozentig voraussagen, wie einer seiner Patienten tickt. Also, die Frage: Was will Gott? Ich weiß es nicht. Als Theologe kann ich aber versuchen, mir einen menschlichen Reim auf meine Beobachtungen zu machen und dabei Gott mit einzukalkulieren. Eines unserer theologischen Werkzeuge ist die Vorstellung etsi deus non daretur – als wenn es Gott nicht gäbe. Stellen wir uns vor, Gott gibt es nicht – was sollen wir dann mit der Krise anfangen?

Ja, was soll uns die Krise lehren?

Erinnern Sie sich noch, was das große Problem in den Medien vor der Corona-Krise war? Der Klimawandel. Der ist übrigens immer noch da. Nur als Größenvergleich: Nehmen Sie die Zahl der an COVID-19 verstorbenen Menschen her – und rechnen Sie noch etliche dazu, bis wir bald einen Impfstoff und ein Medikament haben. Setzen Sie nun die Zahl ins Verhältnis zu fast 8 Milliarden Menschen. Am Klimawandel, wenn er ungebremst sich fortsetzt und wir nichts tun und nichts ändern, werden über kurz oder lang all diese 8 Milliarden sterben (nach all den Tier- und Pflanzenarten, die ohnehin schon sterben). Das ist etwas in Vergessenheit geraten, zeigt aber die Dringlichkeit des Problems – oder: der Probleme – an. Nun wurde im Streit um den Klimawandel immer behauptet, man könne sich nicht einschränken, die Wirtschaft müsse laufen, wir müssen so weitermachen, um unseren Wohlstand nicht zu verlieren usw. Plötzlich kommt so ein kleines Virus dahergelaufen und alles steht still. Keine Fernreisen mehr, keine Kreuzfahrten – ist daran jemand verstorben, weil er nicht mehr reisen konnte? Was also müssen wir ganz dringend aus der Krise lernen? Es geht auch mit weniger, und wir kommen besser durch, wenn wir alle vernünftiger mit unseren Ressourcen umgehen. Der vieldiskutierte und unvermeidliche „shut down“ hat eine völlig überhitzte Maschinerie sehr schnell und sehr umfassend fast ganz zum Stillstand gebracht – und nun haben wir die Chance des Jahrtausends, ja, die Pandemie zwingt es uns auf: Wir müssen diese Chance jetzt nutzen, ganz neu anzufangen und unser Wirtschaften auf andere Grundlagen zu stellen und unseren Lebensstil auf den Prüfstand.

Jede einzelne Maßnahme, jeder Euro Fördergeld muss geprüft werden: Fördere ich damit nur die alte Gier, die auf Verschwendung von Ressourcen aufbaut und nicht nach morgen fragt? Oder fördere ich neue Technologien, die auf Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Umweltverträglichkeit aufbauen?

Der Mainzer Appell zur Krisenbewältigung (ausgehend vom BUND Rheinland-Pfalz und unterstützt von einer Vielzahl von Verbänden und Organisationen) formuliert dies mit wünschenswerter Klarheit und verdient volle Unterstützung!

Der BUND Rheinland-Pfalz hat eine “Declaration for Future / Erklärung für den Klimaschutz” aufgelegt, die man noch unterzeichnen kann.

Einen Zusammenhang zwischen Klimakrise und Corona-Pandemie zeigt auch die Sendung “Hintergrund” am 01.11.2020 im Deutschlandfunk auf (“Konkurrenz um Aufmerksamkeit: Wie sich Corona auf die Klimakrise auswirkt”)

Und jede/r von uns muss sich fragen: Was ich da konsumiere, was ich da reise, genieße, verbrauche – halten das der Planet und meine Mitbewohner auf Dauer aus? Muss das alles sein, brauche ich das alles, oder kann ich auch mit einem ökologischen Fußabdruck sehr gut leben, der ein paar Nummern kleiner ist? Ich halte die von vielen ersehnte Rückkehr zur alten Normalität für Wahnsinn, denn der Zustand “vorher” war weder notwendig noch in sich gut. Wir müssen das neue “Normal” neu denken und erkennen, was wirklich lebens-wichtig ist.

Das sind ja alles ganz vernünftige Überlegungen, für die ich Gott nicht brauche.

Ganz genau – etsi deus non daretur. Als Theologe kann ich trotzdem eine Antwort für glaubende Menschen finden: Vielleicht hat Gott uns mit der Nasenspitze darauf stoßen wollen, dass wir nicht so weiterwirtschaften können wie bisher. Ich gebe zu, etwas brutal und umfassend, aber der Klimawandel ist halt leider auch brutal und weltumfassend.

Gott greift unsere Gesundheit an, um uns etwas mitzuteilen? Ist das nicht Wahnsinn?

Ja, aber es ist nicht neu. Die Menschen, die das Ijob-Buch geschrieben haben, hatten diesen Gedanken auch schon: Haut um Haut! Alles, was der Mensch besitzt, gibt er hin für sein Leben. Doch streck deine Hand aus und rühr an sein Gebein und Fleisch; wahrhaftig, er wird dich ins Angesicht fluchen (Ijob 2,4–5). Das sagt der Satan zu Gott und meint damit: Wenn man seine Gesundheit und seinen Leib und sein Leben angreift, dann wird der Mensch hellhörig, dünnhäutig und fängt an zu denken oder zu beten oder zu fluchen. Wie anders sonst könnte Gott den Menschen aus seiner ichbezogenen Gier und seinem Kreisen um seinen eigenen Profit herauszerren? Es mag zynisch klingen, vor allem für diejenigen, die einen geliebten Verwandten durch COVID-19 verloren haben, aber ich sehe bisher keine Alternative.

Muss das wirklich so hart sein?

Versetzen Sie sich in die Lage Gottes, und Sie werden sich Haare und Bart raufen: Da gibt man den Menschen eine Tora, damit sie gut leben können (Lev 18,5), aber sie befolgen sie nicht. Da kommt man selbst als Mensch zu ihnen, und sie kreuzigen einen (Jesus). Was soll ich, sagt Gott, denn noch alles machen, damit sie zur Vernunft kommen? Zweitausend Jahre lässt Gott die Menschen nach seiner Menschwerdung dahinwursteln. Sie begehen unglaubliche Grausamkeiten an ihresgleichen, Gott weint und kümmert sich um die Opfer (s.o., die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand). Aber jetzt, am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jh., da greift der Mensch in seinem Wahn so auf die Erde zu, dass es nicht mehr gutgehen wird. Gott will aber nicht, dass 8 Milliarden Menschen durch den Klimawandel samt dem ganzen Planeten hopsgehen. Als Bibelleser, gläubiger Mensch und Theologe fällt es mir nicht schwer, hier einen Plan Gottes zu erkennen.

Warum greift Gott erst jetzt ein? Hätte er nicht schon früher, etwa bei der Shoa, stärker eingreifen müssen? Nun, Gott hat bei der Shoa eingegriffen, man könnte argumentieren, dass Gott es zu spät getan hat, aber das ist Gottes Sache. Mit dem Klimawandel steht etwas bevor, was nicht nur ein Volk, sondern einen ganzen Planeten bedroht. Es hat keinen Sinn, das eine gegen das andere auszuspielen. Und auch jetzt könnte man bereits argumentieren, dass Gottes Eingreifen zu spät kommen könnte. Außerdem ist zu bedenken, dass Gottes Logik nicht menschlichem Denken folgt und Gott nicht ständig die Freiheit der Menschen einschränken will.

Macht Gott öfter so verrückte Sachen?

In der Bibel schon. Ich kann da Geschichten erzählen! Als er sein Volk aus Ägypten befreit, schickt er nicht eine Legion Engel, um die Ägypter zu verdreschen, sondern schiebt Wasser hin und her. Das Judit-Buch erzählt, dass eine riesige feindliche Armee die letzte Bastion vor Jerusalem belagert – auch hier schickt Gott kein Engelheer, sondern eine kluge, tapfere und schöne Frau, Judit. Sie geht ins feindliche Heerlager und schlägt dem Anführer den Kopf ab. Verrückt? Ja! – Als Theologe reflektiere ich diese von Menschen erzählten Geschichten und suche danach, wie sich Menschen Gott vorstellen. Ich erkenne hier das Muster, dass Menschen sich vorstellen, dass Gott eben ganz anders ist und damit auch ganz anders handelt, als Menschen mit ihrer Logik von Krieg und Gewinnstreben argumentieren würden. Daher passt das mit dem Virus zu meinen biblischen Geschichten.

Nochmal: Ist das wirklich so?

Das mit dem Virus passt auch insofern zu den biblischen Geschichten, als es Narrative sind, Erzählungen, Mythen – und damit Deutungen von Beobachtungen. Mit diesen Narrativen bekomme ich einen Sinn in das, was ich beobachte (und dieses “Sinn-Machen” reflektiere ich als Theologe). Hat von den wirklich herausragenden Virologen, die eine tolle Arbeit machen, irgendjemand nach dem Sinn dieser Pandemie gefragt? Das ist nicht ihre Aufgabe, das müssen sie nicht. Wenn ich als Theologe nun das Narrativ reflektiere, dass Gott uns mit der Pandemie zeigen will, dass wir nicht mehr so weiterwirtschaften und die Erde zerstören sollen wie vorher, dann behaupte ich damit nicht, eine naturwissenschaftliche Wahrheit entdeckt zu haben – im Sinne Ihrer Frage, “ist das wirklich so?” Ich weiß ebenso wenig wie die Virologen, ob es einen naturwissenschaftlich zwingenden Grund für den Ausbruch dieser Pandemie gibt – wahrscheinlich gibt es keinen, es ist schlicht Zufall. Naturwissenschaftlich betrachtet.

Aus der Perspektive der Vernunft und zunächst so, als wenn es Gott nicht gäbe (etsi deus non daretur), kann ich sagen: Wir müssen daraus lernen, unseren Umgang mit den Ressourcen dieser Welt und mit den armen Menschen zu ändern und auf eine vernünftigere Basis zu stellen. Wir sind vernetzt, weltweit, und können solche Probleme nur durch eine weltweite Solidarität und Zusammenarbeit lösen.

Die Enzyklika “Fratelli tutti” von Papst Franziskus (Oktober 2020) geht in die gleiche Richtung (s. etwa die Nummern 36; 114–117; 127; 138; 146).

Aus der Perspektive der Theologie, die in Vernunft auch den Blick auf Gott einbezieht (coram Deo), kann ich sagen: Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, auf dieser Erde zu schalten und zu walten – aber Gott hat den Menschen als sein Abbild und seinen Stellvertreter geschaffen, um diese Erde zu erhalten als ein Lebenshaus für Pflanzen, Tiere und Menschen. Dass alle – Pflanzen, Tiere und Menschen – auf dieser Erde in Frieden und Gerechtigkeit leben können, das will Gott. Das weiß ich aus der Bibel, wenn darin diejenigen, die diese Worte (hier: Genesis 1) geschrieben haben, damit Gottes Willen wiedergeben. Als Theologe weiß ich auch, dass Gott die Macht hat, das durchzusetzen. Wenn Gott nun den Weg des Virus wählt, um der zerstörerischen Gier des Menschen Einhalt zu gebieten – wer kann Gott daran hindern? Zu den biblischen Geschichten und zu den biblischen Gottesvorstellungen würde es passen. Nochmal: Das Ganze bleibt aber eine Geschichte, ein Narrativ, eine Sinndeutung, ein Mythos, wenn Sie so wollen. Keine naturwissenschaftliche Tatsache. Die Theologie versucht zunächst, solche Sinndeutungen zu erreichen und reflektiert dann als wissenschaftliche Disziplin die Prozesse, die solche Interpretationen und Erzählungen hervorbringen.

Wäre also die Theologie doch systemrelevant, wenn sie den tieferen Sinn erkennt und auf wichtige Lehren aus der Krise hinweist?

Ja, ich sehe die wichtigste Aufgabe der Theologie darin, dass sie auf die Stimme der Vernunft hinweist – Gott gab dem Menschen ein Herz zum Denken, so lehrt der Weise Jesus Sirach (Sir 17,6). Also ist mit Vernunft und Denken an die Krise heranzugehen, nicht mit Verschwörungsideologien und Schuldzuweisungen. Die Theologie kann und muss ihre guten Narrative, die auf die Bibel aufbauen, den diskriminierenden und Spaltung schürenden Verschwörungserzählungen entgegensetzen. Hier hat die Theologie eine gute Utopie zu bieten. Sie predigt eben nicht den Endzeitkampf aller gegen alle, bei dem die Schwachen zuerst untergehen müssen. Vielmehr geht es um den Entwurf einer Welt mit guten Lebensmöglichkeiten für alle Menschen und nicht nur für eine reiche, weiße, westliche aber sich als dominant gebärdende Minderheit.

Die Theologie muss auf Gottes Plan der Gerechtigkeit hinweisen, dass Gott ein gedeihliches Auskommen für alle Menschen, Tiere und Pflanzen will. Das ist eine wichtige Lehre aus den Schöpfungstexten der Bibel (Genesis 1–2; Psalm 104). Diesen Plan kann Gott auf sehr ungewöhnliche Weise durchsetzen, auch dazu gibt es biblische Geschichten, die von der ungewöhnlichen Logik Gottes erzählen, die ganz und gar nicht zu menschlichen Logiken passt. Falls jemand den barmherzigen Gott in meiner Argumentation vermisst: Die Geschichte von der Sintflut (Genesis 6–9) spielt den Gedanken einer Totalvernichtung allen Lebens (mit Ausnahme der Arche und der Bewohner der Ozeane) durch. Dieses Gedankenexperiment, dieser Mythos zeigt wie Genesis 1, was Gott will: ein gedeihliches Auskommen für alle Lebewesen. Doch die Geschichte zeigt auch die Möglichkeit einer Totalvernichtung, wenn die menschliche Gewalt überhand nimmt. Am Ende verspricht Gott, die Erde nie wieder so zu verderben (Gen 9,11). Seither hat Gott in den Jahrtausenden nach der Sintflut nie wieder so eingegriffen. Gott spricht aber nicht einfach frei (Exodus 34,6–7), sondern zieht die Menschen, die Gott als Stellvertreter auf Erden eingesetzt hat, zur Rechenschaft. Wir haben eine große Chance und Aufgabe: Aus der Krise zu lernen und die alten Fehler abzulegen. Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Bewahrung der natürlichen Ressourcen – das sind die Gebote des Jahrhunderts, und damit gehen auch Begrenzung der eigenen Gier und des kurzsichtigen Gewinnstrebens einher.

Ich denke da gerade an ein Beispiel aus dem Spätsommer …

Wir haben wohl das Gleiche vor Augen: Ganze Landkreise mussten wieder in den Lock-Down, weil sie bisher von einer völlig fehlgeleiteten und ausbeuterischen Wirtschaftsweise kurzfristig profitiert haben. Die Fleischpreise in den Supermärkten waren mir bisher schon nicht geheuer – die Corona-Krise bringt nun Abscheuliches an den Tag. Diese Dumping-Preise für Fleischprodukte sind aus zwei Gründen möglich: Tiere werden auf grausame Art und Weise “produziert” und dann geschlachtet, und Menschen, die das tun müssen, werden wie Sklaven in wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten. Gott – so lese ich in der Bibel – will das nicht! Die Speisevorschriften in Levitikus 11 begrenzen den Zugriff des Menschen auf die Tierwelt zur Fleischgewinnung in vernünftiger Weise. Natürlich müssen wir diese Vorschriften nicht 1:1 wörtlich umsetzen, aber der Impuls bleibt: Der Mensch darf nur begrenzt und in schonender Weise auf die Tiere zugreifen, um sein Nahrungsbedürfnis zu befriedigen. Wenn ich die Geschichte vom Auszug aus Ägypten im Buch Exodus lese, aber auch die etwas komplizierten Vorschriften in Levitikus 25, dann merke ich, dass Gott den Menschen frei will: Dazu gehören auch eine wirtschaftliche Unabhängigkeit und Verhältnisse, die es dem Menschen ermöglichen, vom Ertrag seiner Arbeit gut zu leben. Davon ist die momentane “Fleischindustrie” meilenweit entfernt: Verwickelte Strukturen von Subunternehmen haben die Verantwortung dafür versteckt, dass Menschen (meist aus Osteuropa) in brutaler Abhängigkeit gehalten und um ihren gerechten Lohn gebracht werden. Wer im Supermarkt ein billiges Steak oder “preisgünstige” Würstchen kauft, ahnt davon nichts – zahlt aber faktisch einen viel höheren Preis, als er an der Kasse abgebucht wird. Billigfleisch kostet nicht nur Euros, sondern geht auch massiv auf Kosten der Lebensweise von Tieren und Menschen. Warum schlägt jetzt das Corona-Virus ausgerechnet in diesen Schlachthöfen zu und wirbelt eine Industrie durcheinander, die bisher heimlich, still und leise immensen Profit scheffelte auf Kosten der Natur, der Tiere und einiger weniger Menschen, die eben Pech gehabt haben? Kann ich das nicht auch als ein Warnsignal Gottes auffassen? Wenn sich hier etwas verbessern soll, reicht es nicht, wenn sich ein Milliardär aus dem Tagesgeschäft zurückzieht – unser aller Lebensstil muss sich ändern, und zwar massiv. Aufklärung über die wahren Verhältnisse muss her, Bewusstsein muss gebildet werden – aufwachen müssen wir alle!

An sich gebietet das schon die Vernunft, aber wer an Gott glaubt, dem sage ich als Theologe: Gott will, dass wir nicht so weitermachen wie bisher, sondern unseren Lebensstil, unser Wirtschaften und unser weltweites Zusammenleben ändern, so dass am Ende alle, Menschen, Tiere und Pflanzen auf diesem Planeten sehr gut leben können.

Und wie machen wir das?

Ich hab doch gesagt, dass meine Antworten noch viel mehr Fragen hervorrufen! Das ist so bei der Wissenschaft und wenn man nachdenkt …

Aber vielleicht noch mal zusammengefasst und mit ein paar Vorschlägen versehen: Vor der Corona-Pandemie war das beherrschende Thema der öffentlichen Diskussion, dass sich etwas ändern muss, weil unser Wirtschaften und unser Konsum den Planeten zerstört (Stichwort: Klimawandel). Aber nichts tat sich, weil alle nur auf sich schauten, an ihr Vergnügen und ihren privaten, kurzfristigen Profit dachten: Vom Arbeitnehmer, der in einer klimaschädlichen Industrie arbeitet, aber eben damit sein Geld verdienen muss, über den Politiker, der jetzt Arbeitsplätze erhalten muss, bis hin zum Großkonzern, der keine Umstrukturierung anstoßen will, weil das Kosten verursacht, die den Aktienkurs drücken. Alles war so vernetzt in einem Getriebe, dass man den Eindruck hatte, man kann gar nichts ändern, weil sonst alles zusammenbricht. Die Ereignisse der Corona-Pandemie belehren uns eines Besseren: Es kommt zu einem Stillstand, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, bis in den kleinsten Winkel hinein. Nach der Pandemie so weitermachen zu wollen wie vorher, wäre wohl das Dümmste, was uns einfallen könnte – und es wäre gegen die Natur, genauer: die Evolution, denn sie lehrt: Nur was sich verändert, überlebt. Also muss buchstäblich alles auf den Prüfstand, alles, was nun wieder “hochgefahren” wird, muss danach befragt werden, ob es noch im alten Denken gefangen ist – oder ob es für die Zukunft ausgelegt ist und weiterkommt als von 12 Uhr bis Mittag.

Ist das nicht zu viel verlangt, jetzt auch noch alles zu überprüfen?

Ja, wenn der Zustand der Welt vorher so ideal gewesen wäre, dann nicht – aber das war er eben nicht. Die “alte Normalität” war eine Welt voller Gewalt, Menschenverachtung, Ungerechtigkeit, Ressourcenverschwendung, Schädigung des Klimas und vieles mehr – wollen wir zu dieser “Normalität” ernsthaft zurück? Ich nicht!

Jede*r einzelne von uns muss den eigenen Lebensstil überprüfen: Konsum, Reisen, Urlaub, Vergnügen, Fleischverzehr – ist mein Handeln verträglich für meine Umwelt, oder lebe ich auf Kosten anderer und zukünftiger Generationen? Das alte Denken ist: “Das habe ich mir verdient, das gönne ich mir!” Dabei wird vergessen, dass wir uns leider viele Dinge leisten und gönnen können, die dem Planeten und zukünftigen Generationen gar nicht gut tun. Das neue Denken ist: “Machen mich Dinge wirklich glücklich, von denen ich eigentlich weiß, dass sie schädlich sind oder Ungerechtigkeit fördern?” Was macht wirklich glücklich, was brauche ich wirklich? Da haben wir doch in der Corona-Zeit einiges gelernt.

Die Politik muss die Weichen der Wirtschaft – weltweit – so stellen, dass gefördert wird, was nachhaltig und klimaschonend ist. Alles, was zu viele Ressourcen verbraucht, alte Technologien usw. darf nicht wieder hochgefahren oder gefördert werden. Das Konjunkturpaket der Großen Koalition scheint mir da gute Maßstäbe zu setzen, die konsequent umgesetzt werden müssen: Kein gutes, neues Geld für alte, rückwärts gewandte Technologien und Konzepte!

Die Wirtschaft wird nach und nach erkennen, dass wirklicher Profit auf lange Sicht nur mit der Schonung der Ressourcen und mit nachhaltigen Konzepten möglich sein wird. Strukturwandel, ja, Erneuerung ist das Stichwort: Neue Konzepte und Technologien, erneuerbare Energien – und immer der Blick auf die zukünftigen Generationen und die Schonung des Planeten!

Die Gesellschaft hat in der Corona-Zeit viel gelernt: Solidarität, Rücksicht nehmen, Abstand halten – gegen die “Hoppla, jetzt komm ich”-Mentalität, die uns doch allen so auf die Nerven geht. Es geht auch anders, das haben wir lernen müssen, und es geht besser so. Die Ansteckungsgefahr zwingt uns, auf die anderen zu schauen und an andere zu denken – wir hätten das längst mehr tun sollen und müssen es in Zukunft auch unter “normalen” Bedingungen unbedingt tun. Nicht nur: ich – sondern immer: ich und die anderen (und der Planet)!

Gerechtigkeit ist ein wichtiges Thema – heute und in der Bibel (Dtn 16,20: “Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du nachjagen”). Auch da ist in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und jeder/jedem einzelnen von uns noch viel Luft nach oben!

Also Erneuerung auf allen Ebenen, in allen Bereichen – das klingt nach viel.

Im Grunde könnte man mal damit anfangen, alles, was ich “danach” wieder tun will/tun darf, durch drei Siebe zu sieben:

  1. Macht es mich wirklich glücklich? Brauche ich es unbedingt?
  2. Ist es gerecht? Oder leiden andere unter meinem Genießen, Konsumieren usw.? Sind mir diese Fragen überhaupt wichtig?
  3. Ist es verträglich für den Planeten? Ist es nachhaltig?

Übrigens: Meistens kommt es anders, wenn man denkt …

One thought on “Theologie und Corona-Krise”

  1. Ich stimme Ihnen vollends zu. “Dominium Terrae” Gen 1,28 beinhaltet letztlich all das, was Sie am Ende Ihrer Überlegungen zusammenfassend darlegen.
    Leider ist die Verantwortlichkeit für all das, was uns gegeben wurde, zugunsten von “Haben”aufgegeben worden. Ungerechtigkeit und Zerstörung sind die Folgen.

    Ich nehme bei vielen Menschen Angst und Wut bei der Aufgabe, ihr Leben auf den Prüfstand zu stellen, wahr.DAS bereitet mir Sorge, denn nur die Bereitschaft zu reflektieren, um daraus verändernde Konsequenzen zu ziehen, lässt Neues, Gesundes entstehen.

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